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Der Schatz der Ahnen: auf der Suche nach dem wahren Selbst

Alles wandelt sich, nichts vergeht.
Es gibt im ganzen Weltkreis nichts Beständiges.
Alles ist im Fluss…

Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr., römischer Dichter)

Es war einmal, in einer Zeit, da die Menschen noch eng mit der Natur, dem Wechsel der Jahreszeiten und ihren Ahnen verbunden waren. Sie brachten den höheren Mächten, an die sie glaubten, Opfergaben zum Dank oder um sie gütig zu stimmen, sangen ihnen Lieder und beteten sie an.

An einem bestimmten Tag im Jahr, dem Tag der Toten, versammelten sich die Menschen an ihren heiligen Orten und gedachten der Verstorbenen. Einer dieser heiligen Orte war ein Berg, der in der Nähe des heutigen Ortes Gensungen nahe der Stadt Melsungen im Land der Chatten gelegen ist. Das Totenfest wurde traditionell zum 11. Schwarzmond (Neumond) des Jahreskreises gefeiert, in einer Zeit, in der der Übergang zwischen den Welten als durchlässig galt.

Die Menschen fühlten sich auf dem Berg den Ahnen nahe. Sie glaubten, dass die Verstorbenen sie hören und sehen konnten. Sie erzählten Geschichten und sangen Lieder über die Verstorbenen. Sie sprachen über das alte Wissen, das die Ahnen ihnen hinterlassen hatten und gaben es so an ihre Kinder weiter. Das alte Wissen war ihr Schatz. Es war das Wissen über die Welt, über das Leben und den Tod. Es war das Wissen, das den Menschen Kraft und Orientierung gab.

Die Zeit verging und die Menschen wendeten sich von dem alten Glauben ab, nachdem man ihre heilige Eiche gefällt hatte. Aus dem Tag der Toten wurde Allerheiligen und Allerseelen, die man nun am 1. und 2. November feierte. Auf dem heiligen Berg, den man jetzt Heiligenberg nannte, wurde eine Allerheiligenkapelle (1) gebaut, in der man im Geheimen den alten Traditionen weiter folgte. Doch auch diese Kapelle verschwand. Die Menschen vergaßen das alte Wissen, das nur mündlich übertragen worden war. Der alte Schatz der Ahnen geriet in Vergessenheit und lebte nur noch in den alten Sagen und Märchen weiter.


Blick zum Heiligenberg


Eine solche Sage möchte ich euch heute erzählen. Und wie in den alten Zeiten üblich, habe ich ihren Inhalt nach meiner Sicht angepasst und verändert.

Eine alte Sage, neu erzählt

Ewaren einmal zwei junge Frauen, die mit ihrem Dasein als Magd unzufrieden waren und sich nach einem anderen Leben sehnten. Sie strebten nach mehr, als ihnen ihr derzeitiges Leben bot. Selbst die Vorstellung in der Zukunft einmal, Ehefrau und Mutter zu sein, bereitete ihnen Unbehagen. Ihr Verlangen galt vielmehr dem Einfluss und der Anerkennung – vielleicht selbst in die Geschichtsbücher einzugehen.

An einem freien Herbstnachmittag, kurz vor Allerheiligen, begaben sich die beiden auf eine Wanderung zum Heiligenberg hinauf. Auf dem Weg zum Berg tauschten sie Gedanken über ihre Sehnsüchte und Träume aus, und stellten sich vor, wie ihr Leben aussehen würde, wenn sie alles erreichen könnten, was sie sich wünschten.

Als sie auf den Gipfel des Berges kamen, sahen sie bereits von Weitem eine weiß gekleidete Frau, die ihnen zuwinkte.

„Kommt heran, kommt herauf, euer Glück wartet“, rief sie ihnen zu. Die beiden Mädchen sahen sich an. Die Gestalt, die sie dort rief, schien ihnen nicht von dieser Welt zu sein und erfüllte ihr Herz mit Furcht. Doch dann fassten sie sich Mut, reichten sich die Hand und stiegen zu der weißgewandten Person hinauf.

Die Frau lud die beiden Mädchen ein, ihr in die Tiefe des Berges zu folgen. Sie sagte ihnen, dort würde ein Schatz auf sie warten.

Mit einer einnehmenden Geste führte sie die beiden durch ein von Efeu verborgenes, schweres eisernes Tor in ein Gewölbe im Berg. Das Gewölbe war von einem sanften Licht erfüllt, das von einer unbekannten Lichtquelle ausging und sich in dem Gold und Silber spiegelte, das in unermesslicher Fülle im Raum verteilt lag. Die weiße Frau erlaubte den Mädchen, sich von den Schätzen zu nehmen, soviel sie wollten.

Die eine von beiden, die sich immer schon ein Leben in Reichtum gewünscht hatte, stürzte sich auf den Schatz. Sie füllte ihre Kleider mit Gold und Silber, bis sie fast nicht mehr gehen konnte.

Die andere, die sich immer schon ein Leben ohne Zwang in Frieden und Harmonie gewünscht hatte, blieb zurück. Sie erkannte in den Schatten an der Wand, die das goldene Licht dort warf, die Gestalt ihrer verstorbenen Großmutter wieder. Hinter ihrer Großmutter nahm sie weitere Frauen wahr, die sich hinter dieser aufreihten. „Vergiss das Wesentliche nicht“, warnte die Großmutter das Mädchen.

Doch ebenso wie das eine Mädchen in ihrer Habgier gefangen war und noch mehr von dem Gold besitzen wollte, schien das andere Mädchen in der Schattenwelt gefangen zu sein.

Die Großmutter mahnte noch einmal: „Vergiss das Wesentliche nicht.“ Da schreckte das Mädchen auf und bemerkte, wie sich plötzlich das Tor zu schließen begann. Sie ergriff die Hand der Freundin und zog sie mit sich aus dem Gewölbe heraus. Aber die Kleider der Freundin waren vom Gold beschwert und das Mädchen wurde von der schweren Tür getroffen und verlor dabei ihren Fuß.

Die beiden schafften es mit Mühe den Berg hinab. Das Mädchen mit dem fehlenden Fuß starb noch in derselben Nacht. Die andere fiel in einen Zustand, den die Menschen für Irrsinn hielten.

Die Hinterbliebenen kauften mit dem Gold, das das tote Mädchen aus dem Berg mitgebracht hatte, ein Stück Land und nannten es „Mägdestück“ (2). So brachte der kurze Reichtum der unglücklichen Magd ihr die Unsterblichkeit in dieser Geschichte. Und noch heute, so wurde mir berichtet, kann man in nebligen Novembernächten eine schmerzvoll klagende junge Frau durch die Straßen von Gensungen humpeln sehen.

Das andere Mädchen wurde von ihren Angehörigen in ein Kloster gebracht, das sich am Fuße des Heiligenbergs befand.

Im Kloster fand das Mädchen schließlich Heilung. Sie lernte, die Schatten zu deuten, die ihre Träume in der Nacht hervorbrachten. Sie fand inneren Frieden und konnte durch ihr selbst erlebtes Martyrium anderen Menschen in ihrem Schmerz und auf ihrem Weg zur Heilung helfen.

Manche Menschen sahen das Mädchen, das nunmehr eine alte Frau geworden war, noch oft auf dem Gipfel des Heiligenbergs sitzen. Sie war allein und schweigsam, aber in ihren Augen lag ein tiefer Frieden.

Sollte euch selbst einmal ein Schatz zufallen, so bedenkt, dass dessen Besitz seinen Preis von euch fordern wird. Das Wesentliche, der Schlüssel zum Glück ist, das richtige Maß im Gleichgewicht zu finden.






Text und Foto und Bildbearbeitung © 2023 - Hans Jürgen Groß


Kurzlink:




Zusammenfassung:
Der Jahreskreis hat uns in die dunkle Zeit geführt, in der die Phase der Innenschau das aktive Tun im Äußeren ablöst. Die Erinnerung an frühere Zeiten, das Gedenken unserer Vorfahren, prägt unseren Geist.

Schon in vorchristlicher Zeit nahmen die Menschen dies zum Anlass, ihre Ahnen und ihr altes Wissen zu ehren, das ihnen Orientierung im Leben gab. Einer dieser heiligen Orte, an denen diese Rituale stattfanden, dürfte der Heiligenberg bei Gensungen gewesen sein. Ein archäologischer Fund deutet darauf hin, dass sich eine Allerheiligenkapelle auf dem Berg befand.

Doch wie sahen diese alten Riten aus, die auf dem Berg gefeiert wurden? Darüber ist nichts bekannt, denn das Wissen darüber ging im Laufe der Zeit verloren, ebenso wie die Kapelle. Es wird angenommen, dass Feuer entzündet, den Ahnen geopfert, gemeinsam gegessen, gesungen und Geschichten erzählt wurden.

Eine solch alte, etwas unheimliche Geschichte, die sich mit dem Leben und dem Tod befasst, möchte ich erzählen. Sie spielt auf dem Heiligenberg und handelt von zwei unzufriedenen Mägden, die einer weißen Frau folgen, die ihnen einen Schatz verspricht. Diese Geschichte ist eine Sage über das Wesentliche im Leben.


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Alle Sagen und Legenden aus dem Melsunger Land

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Text der verwendeten Vorlage:

Das Mägdestück

Zwei Mädchen aus Gensungen gingen einst zum Heiligenberg und redeten miteinander von Gold- und Silberschätzen, die der Berg in seiner Tiefe bergen sollte. Da sahen sie hoch über sich eine weiß gekleidete Jungfrau stehen. Sie winkte und rief ihnen zu: „Kommt herauf, kommt herauf, dein Glück steht auf“, und nun fassten die beiden Mädchen sich Mut und stiegen hinan. Die Jungfrau führte sie durch ein schweres eisernes Tor in ein Gewölbe, in dem alles glänzte von Gold und Silber, und sie erlaubte den Mädchen, sich von den Schätzen zu nehmen, zu viel sie wollten, aber als die beiden das blinkende Gold in ihre Schürzen rafften und sich die Kleidertaschen voll steckten, warnte die Jungfrau sie, indem sie nach einem großen Schlüssel hinsah:
„Vergiss das Beste nicht.“ Jedoch die Mädchen in ihrer Habgier beachteten die Warnung nicht. Vergebens mahnte die Jungfrau noch zweimal: „Vergiss das Beste nicht.“ Da merkten die Mädchen plötzlich, wie das Tor des Gewölbes sich zu schließen begann. Schnell sprangen sie hinweg, und es gelang ihnen auch noch glücklich hinauszukommen, aber die Tür, de sich mit lautem Krachen schloss, schlug einem der Mädchen die Ferse eines Fußes ab. Mit ihren Schätzen kamen sie zwar glücklich nach Hause, aber beide mussten sterben, die eine an der Verletzung ihres Fußes und die andere infolge des ausgestandenen Schrecks. Nach ihrem Tode kauften ihre Hinterbliebenen von dem Schatz, welchen die zwei Mädchen aus dem Berge mitgebracht hatten, einen Acker, der noch heute das "Mägdestück" heißt.



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